Will nicht aus dem Rausch aussteigen, will nicht runterkommen! Auf dass es mir das Trommelfell zerfetzt unter den Kopfhörern. Aber so kann ich nicht schreiben. Und ich soll schreiben, sagt ihr! Und ich muss schreiben – recht habt ihr! Also: STOPTASTE! Anhalten, Luft holen. Messen wir den Puls! Wie geht es mir?
Keine Seifenblase mehr in der ich vom Wind herum geblasen werde, nein, sesshaft bin ich geworden. Habe mich ins Leben zurück ge(k)lebt. Habe mir einen Kokon gesponnen und verpuppe angeheftet im Geäst der alten Linde, direkt in der Mitte des Kreisverkehrs. Autos und Menschen, und Menschen in Autos schwirren mir ums neue Domizil. Manchmal schiebe ich den Kopf zwischen den Seidenfäden raus und rufe ihnen zu. Manchmal. Und ab und an bleibt sogar ein Wagen stehen, kurbelt die Scheibe runter und dann antwortet einer. “Gibt es dich auch noch!?”
Presswurst im Speckmantel. Fast wie im Boot. Platz ist hier keiner. Habe mir noch zwanzig Buchziegel von über 300 Seiten mit eingeflochten – hier und da werfe auch einen davon enttäuscht auf die Strasse. Sollen andere darüber fahren!
Also, ich verpuppe. Verpuppe mit Heidegger, Bukowski und Desartes. Und habe keine Ahnung was hier am Ende aus dem Kokon schlüpft. Die Bücher helfen mir auch nicht bei der Bestimmung – sind ja nichtmal Bestimmungs-Bilder drin. Aber sicher wird’s kein bunter Schmetterling. Doch wachsen mir definitiv zwei Flügel am Rücken, ja, ganz sicher! Das werden mal Flügel! Da bohrt sich was durchs Fleisch. Unangenehm, es tut weh. Vielleicht werde ich eine Fliege? Oder eine Motte? Nachtschwärmer? Auch zwei Antennen sehe ich da am Kopf. Reagiere damit bereits in Gesprächen auf unterschwellige Oberwellen und auf Worte, die zwischen den Zeilen ausgestossen wurden. Ein neuer achter Sinn? Also doch keine Fliege! … auch wenn einiges was ich da vernehme ziemlich stinkt. Aber Fliegen haben keine Antennen, oder doch?
Ich verpuppe langsam, ich brauche Zeit. Keine Ahnung wohin ich fliege, wo ich nur erst mal fliegen kann. Mein Boot ist anscheinend in Hamburg angekommen, liegt im Zoll. Vielleicht darf ich es nächste Woche abholen? Dann müsste ich erstmal raus hier. Wer weiß wie ich dann aussehe – so halbfertig? Ich vermisse es … hier fehlt was. Will es an meiner Seite haben.
Es passiert so viel im Moment, und doch, nichts davon ist sättigend genug für ein Dreigänge-Blogmenü. Nichts ist relevant für einen langen Eintrag hier. Also, was soll ich nur schreiben? Weiß es nicht. Dass es mir gut geht vielleicht? Ja, das tut es. Und weiter? Aber das wäre vielleicht genug für die 140 Zeichen auf Twitter, nicht für den Blog. Dass ich das Buch schreibe wisst ihr bereits, dass ich noch immer Bilder sortiere und Videos sichte. Kommt schon, ich will euch nicht lang mit meiner Langsamkeit langweilen!
Wie bekommen wir nur etwas mehr Adrenalin in meine Adern? Könnt’ mich am Bungee-Seidenfaden vom Baum stürzen. Irgend so ein Schnellschuss. Irgendwas Spannendes. Aber nein, will auch keiner sehn?! Das Ausrufzeichen geht an mich, das Fragezeichen an Euch. Und so denke ich, verbleibe ich für den Facettenaugenblick. Verpuppe noch ein wenig. Solang’, bis ich wieder etwas zu erzählen habe und mich wieder zeigen kann. Mit diesen seltsamen zwei Flügeln da hinten.
Ich ahne es, das hier wird ein komplizierter Eintrag. Zumindest wo ich mich wirklich überwinde, ehrlich bleibe und schreibe was ich gerade noch so mutig in den Blog tragen wollte. Missverständnisse vorprogrammiert! Mehr als zwei Wochen sind vergangen seit meiner Rückkehr vom Ozean, und ich beginne langsam zu verstehen, dass ich nicht mehr so problemlos funktioniere im Alltag – und einen Großteil meiner Energie darauf verwende, mich vor dem Schatten dieser Tatsache, im bunten Licht der Ablenkung zu verstecken. Ja, der Alltag ist tatsächlich zurück, und so schön die Seifenblase auch ist, in der ich gerade noch Schutz finde, sie schwebt dennoch nunmehr nur noch über Asphalt und nicht über dem Wunderland. Und sie schwebt nicht mal mehr richtig, sie schlingert mehr und mehr um einen Ereignishorizont herum. Fakt ist: Vor mir rotiert ein Schwarzes Loch! Das berühmte schwarze Loch am Ende einer großen Anstrengung. Und Fakt ist auch: Es verschwindet nicht einfach, nur weil ich mich weigere hinzusehen.
Es gibt so viel zu tun. Emails und Briefe warten; die Webseite verwaist; die Planungen fürs nächste Projekt; Interviews; das Buch … hilft nix: Da ist trotzdem ein Schwarzes Loch und es zerrt an mir, zieht mich durch den Raum, egal wie schwer ich mich noch mit Aufgaben belade. Es zerrt und zerrt an mir, und wann immer ich es mit geschlossen Augen in seiner kompletten Ausdehnung überlicke, verspüre ich auch Erleichterung in dem Gedanken, mich vielleicht einfach hinein fallen zu lassen. Und dann? Dauerschlaf und Ewigträume?
Nein, gibt Schlimmeres, aber ich meine was soll ich sagen: Ich bin zurück, ich habe mich verändert – die Welt in die ich zurückkehrte ist jedoch die gleiche geblieben. Ich bin in einer Schutzblase, aber nicht mehr an die Geschwindigkeit an Land gewöhnt. Doch von den Reizen überflutet. Folglich durchlöchern mich alte und unbequeme Tatsachen, wenn auch abgemildert, noch immer – nun halt einfach mit doppelter Schussfrequenz: Der gleiche Mist in den Nachrichten, die gleichen Kopfschmerzen wenn ich das Autoradio andrehe. Augenkrebs im Internetbrowser und womöglich Magenkrebs von der bunten Chemie-Cuisine in meinem Kühlschrank. So Sachen eben. Und draußen, In der Stadt? – Überall ist Krach, aber ich vernehme keine Botschaft. Aus allen Richtungen durchlöchern mich sterile Farben, die aber nach nichts riechen oder schmecken. Eine Vergiftung der Sinne. Wie ich mich fühle? Ich fühle mich, als wäre ich mit Lichtgeschwindigkeit in meinem Puppenstubenboot gerudert, hätte die Zeit dilatiert und schlage nun als kleines Kind wieder genau auf dem selben Spielplatz auf, den ich einst als Erwachsene verlassen und vergessen habe. Will wieder spielen, aber inzwischen ist der Sandkasten verdreckt, das Klettergerüst natürlich verrostet und die Schaukel quietscht, dass es in den Ohren schmerzt. Und dann steht auch noch so ein Typ am Eingang und verlangt jetzt Eintrittsgeld. Absurd. Bin ich hier wirklich richtig? Der selbe Spielplatz? Die selbe Stadt? Das selbe Land? Ist es überhaupt der richtige Planet auf dem ich wieder (an)gelandet bin?
Ich glaube es ist immer einer Frage wie sehr man sich auf sein Erleben einlässt – bin mir sicher dass andere längst wieder komplett angekommen wären und wie ein Uhrwerk funktionierten. Aber ich finde diese Erfahrung faszinierend. Man steht neben der Welt und ein wenig neben sich selbst. Folglich weiß man auch nicht wohin mit der Euphorie die man im Gepäck hat. Hat man doch soviel Euphorie und Hoffnung zurückgebracht – aber ist damit in einer Seifenblase gefangen, kann es nicht recht verteilen. Diese schwarze Löcher am Ende einer so langen Reise sind keine Überraschung – sie gehören dazu und sie rotieren vielleicht auch zu einem großem Teil um den Kern der Ernüchterung, nun nicht einfach aus der Schutzblase springen, und mit dem Zauberstab die Welt verzaubern zu können. So ein Mist aber auch!
Ein langes Wochenende liegt hinter mir. Endlich zurück in meinen vier Wänden, endlich die komplette Familie und meine Freunde zurück in meinen Armen. Vorsichtig auf dem Weg zurück in den Alltag. Nach wie vor suche ich noch einen kleinen Teil meines Kopfes … er ist noch immer nicht an Land angekommen, fürchte ich. Ganz sicher treibt er noch auf dem Ozean und wartet darauf, dass ich ihn da draußen irgendwann abhole. Das ist kein Problem: Denn längst arbeite ich an einem Rettungsplan wie ihr wisst. Ja! Ich werde auf den Ozean zurückkehren! Das hier, die Überquerung des Atlantiks in einem Ruderboot, war nur der Anfang. Es wartet das nächste Abenteuer, es ruft mich längst der Pazifik. Es ist noch immer viel zu früh einen konkreten Plan vorzulegen – nach der ersten Abschätzungen des Aufwandes ist mir noch immer etwas schwindelig. Aber nach all dem gewaltigen Medienecho, nach all dem Feedback der unzähligen Leser, kann ich nicht einfach stillsitzen und auf das Vergessen warten. Der Ozean hat mich angefixt – ich hänge an der Nadel und will mehr davon. Die Nähe zu den Walen und Delfinen, den Fischen – die unglaublichen Erlebnisse mit den Meeresbewohnern haben ein Feuer in mir entfacht und beseelen mich mit einem vielfachem der Energie, die ich nun zum Schutz dieser Lebewesen -meiner Begleiter- einsetzen möchte. In meiner Seele lodert ein Grossfeuer! Und nun ist auch plötzlich kein Salzwasser mehr zum löschen da, das ich bisher als Medium für unsere Botschaft benutzte und mit meinen Ruderblättern zerteile, nein, nur noch dickes, dickes Herzblut! Nach all meinen Erlebnissen, nach all den Unbegreiflichkeiten der Schönheit dieses Ozeans, kann ich nicht anders als einfach weiterzumachen und mit allem Idealismus und all der romatischen Verklärung darauf hoffen noch mehr bewegen zu können.
Ich sitze hier und habe gerade die ersten Statistiken der Medienarbeit zugeschickt bekommen … und bin mal wieder fassungslos. Vieles habe ich bisher nicht gesehen und gelesen, erst seit einigen Tagen zurück in der Zivilisation. Wir haben mit dieser Kampagne weit, weit mehr als einhundert Medien bedient. Offline und Online. Artikel in sogar den großen Tageszeitungen und Magazinen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Nachrichten und Interviews im Radio und Fernsehen. Die Deutsche Presseagentur hat immer wieder sachlich berichtet und dabei zwischen all meinen Erlebnissen stets die Problematik des Unterwasserlärms dick unterstrichen. Großartig!
Ist also Zeit mich mal so richtig hier zu bedanken! Bei meiner Familie und meinen Freunden, bei all den Lesern, die mich über den Ozean getragen haben. Bei Sigrid und Vera von OceanCare, die so sehr an mich glaubten und mich unterstützten – vor allem wo ich meine Grenzen erreichte. OceanCare hat wichtige Ziele vor Augen und ich bin richtig stolz auf mich, dass ich es nicht vermasselt habe und mit dieser Aktion einen kleine Beitrag zum Schutz der Meere leisten kann. Und davon bin ich überzeugt! Auch wenn einige Menschen immer daran zweifeln, dass dieses Projekt langfristig einen Unterschied machen kann. Dann muss ich eben nachlegen … weitermachen. Muss ein neues Projekt nachschieben um meine Begleiter im Ozean: Wale & Delfine und Fische zu schützen. Ich bin eine „schreckliche“ Idealistin geworden – aber Pessimismus ändert auch nichts – und also solche darf ich den Ozean romantisieren und immer darauf hoffen, dass wir Menschen irgendwann begreifen was wir diesem Planten antun. Ich habe in die Augen eines Wales geschaut und ich kann bis heute nicht beschreiben, was dieser Moment in mir bewegt hat. Ich werde aber weiter versuchen es irgendwie in Sätze zu gießen … vielleicht gelingt es mir irgendwann besser.
Ein dickes Dankeschön auch an das Team von Shifting Values e.U., die in letzter Minute, bei quasi lächerlichem Budget auf meiner Seite, für die Medienarbeit eingesprungen sind und dafür Sorge trugen, dass ich mich, abgenabelt von der Welt, auf das Rudern konzentrieren konnte, und mich nicht darum sorgen musste, in den Medien aufgrund meiner mangelnden Medienerfahrung und Nichterreichbarkeit als Wahnsinnige verheizt zu werden. Sie trugen mit hervorragenden Pressemeldungen auch maßgeblich dazu bei, dass die tatsächliche Vorbereitung und die umfassende Planung dieses Projektes auch kommuniziert wurden, und nie der Eindruck entstand, ich wäre mal ebenso ins kalte Wasser gesprungen und losgerudert. Absolut professionell von ihnen begleitet, verstanden sie es stets mich auf den Punkt zu informieren und auf anstehende Events vorzubereiten, und dass bei meinen extrem begrenzten Möglichkeiten zur Kommunikation tausende Kilometer entfernt vom Festland. Ich bin schwer begeistert von Nikolas und seinem Team!
Ich bedanke mich natürlich auch bei meinen Sponsoren und Supportern. Ich meine, es gehört einiges dazu das Vertrauen in so ein Projekt zu setzen. Es bedarf einiges an Überzeugung und durchaus auch Mut um ein Logo auf diesem Ruderboot zu platzieren. Es gibt immer ein Restrisiko – bei bester Planung und Vorbereitung. Ozeanrudern ist und bleibt nun mal ein Extremsport – und der Ozean eben ein großer, gewaltiger Ozean. Aber gerade dank meiner Sponsoren konnte ich am Ende auch auf das beste und zuverlässigste Equipment zugreifen, und somit die Sicherheit maximieren. Wie ich immer sagte: Ich wäre niemals abgelegt, wo ich in meiner Erfahrung auch nur den winzigsten Zweifel gehabt hätte, dass ich das schaffe. Ich bin nun stolz, dass ich mich beweisen durfte und ich danke meinen Sponsoren, dass ich dieses Boot mit gutem Gewissen in Portugal ins Wasser lassen konnte.
Und nicht zuletzt bedanke ich mich bei allen Medien die das Projekt begleitet haben über die rücksichtsvolle, sachliche und umfangreiche Berichterstattung, in der sich immer wieder ein dicker Verweis auf die Umweltkampagne gegen den Unterwasserlärm fand. Ich glaube fest daran, dass durch die Berichterstattung tatsächlich etwas bewegt werden konnte und ich gebe mein Bestes, um auch in Zukunft mit vergleichbaren Projekten wieder spannenden Geschichten erzählen zu können.
Und nun?
Ein Buch! Ich schreibe ein Buch! Keine Ahnung ob ich es selbst verlege oder tatsächlich einen kreativen Verlag finde. Ich möchte es schreiben, es hilft mir unglaublich das Erlebte zu reflektieren und vielleicht findet es einige neue Leser am Ende. Glaube schon, doch. Zuvieles konnte ich während der Reise nicht bloggen – schon aus Rücksicht, dass man sich zu sehr sorgt. Es gibt also noch so viele Zeilen, die ich nun endlich loswerden möchte. Ich denke ein Buch ist der richtige Ort. Jetzt, wieder sicher an Land, bin ich auch mutiger mit dem Schreiben.
Noch warten auch 20 SD Karten von Panasonic darauf gesichtet zu werden. 640 Gigabyte an Fotos und Videos. Eine Mammutprojekt die wirklich guten Sequenzen herauszuschneiden. Ich habe einfach immer und überall draufgehalten und oft nicht wirklich das Ziel erwischt bei dem starken Seegang. So nach und nach werde ich nun die ersten Bilder einstellen.
So, hier bin ich wieder. Zumindest der Teil von mir, der wirklich an Land angekommen ist. Seit drei Tagen versuche ich einen Blogeintrag fertigzustellen – es gelingt nicht recht. Die ersten Emotionen habe ich abheften und einsortieren können. Meist unter “A” wie “absolut absurd” oder “V” wie “völlig verrückt”. Emotionen und Gefühle, die sich meist wie große Wellen aus meinen schwachen Beinen in den Oberkörper wuchten, meinen Schwerpunkt verändern und sich darin versuchen mich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mal wieder. Fühle mich wie ein Wassersack auf einem Sackkarren … auf furioser Bergabfahrt. Doch noch landkrank. Mein Körper versucht nach wie vor das heftige Rollen und Stampfen eines Bootes ausgleichen – eines Bootes das längst sicher vor dem Hotelzimmer im Hafen liegt. Ich habe Schwierigkeiten mit dem hohen Tempo an Land mitzuhalten und mich dem Rhythmus der Selbstverständlichkeiten unterzuordnen. Fühle mich nicht wirklich sicher außerhalb meiner Nussschale. Benötige mehr Zeit. Würde in vielen Momenten lieber gern zurück in meinen Schlafsack an Bord krabbeln, die Luke schließen und mich auch in schwerer See in einer vertrauten Welt in Sicherheit wiegen. Geht aber nicht, kann nicht einfach sofort wieder reinspringen und mich davonschleichen.
Nein, es ist nicht alles erledigt und abgehakt. Es ist nicht einfach vorbei und ich bin nicht einfach nur erleichtert, angekommen und wiege mich nun in Sicherheit. Oft fehlt mir einfach dieser grausam beeindruckende Ozean, der mich eben auch oft genug mit seinen gigantischen Wellen voran peitschte und mich anbrüllte – der mir immer deutlich zu verstehen gab, wie wenig ihn meine Unsicherheiten und Bedenken kümmern würden. Friss oder stirb – egal was serviert wird. Doch jetzt, hier an Land, hmmm, weiß nicht, so viele bunte Brotkrummen zwischen den ich entscheiden muss. Und wenn ich mir endlich einen ausgesucht habe, ihn mit meinem Blick fixiere und mich darauf herabstürze um ihn aufzupicken, dann betrügen mich alle meine Sinne, die nach wie vor auf einen Ozean geeicht sind – ich verkenne plötzlich Distanz und Position, mir wird schwindelig und schwarz vor Augen und ich schlage neben ihm auf dem Boden auf und bohre mich in die Erde. Die Folge ist: Ich packe mich vorerst lieber in eine dicke Seifenblase, kapsle mich ab. Ich schwebe mit meiner Nase den Kolibris auf Barbados hinterher, tauche ein in ausladenden Blütenkelchen und berausche mich am Geruch, den die gewaltigen Farbexplosionen der Blütenblätter in die Welt schleudern. Ich bin in einer anderen Welt zuhause. In einer ganz anderen. Noch hat der weiße Sand der Küste, der zwischen meinen Fingern zerrinnt, es nicht vermocht auch nur eine einzige Erinnerung an die letzten drei Monate hinfortzureißen. Noch ist der Ozean auch hinter dem Horizont klar für mich sichtbar und beginnt sich nicht im Nebel des Vergessens aufzulösen. Keine Eile also all die Erinnerungen zu verarbeiten. In welcher Form auch immer. Dann dauert es eben etwas länger. Ich lasse es langsam angehen, laufe die schroffe Ostküste entlang, starre gebannt in die heftige Brandung. Klettere mit schwachen Beinen auf alte verlassene Leuchttürme fernab aller Touristenrouten und finde mich Stück für Stück, Stufe für Stufe wieder selbst. Ich puzzle mich zusammen.
Inzwischen habe ich auch meine Email Akkounts reaktiviert. Tausende Emails der letzten drei Monate fluten mein Bewusstsein. ÜBERfluten mein Bewusstsein. Ich kann damit noch nicht umgehen – lese natürlich stolz all die Glückwünsche, bin überwältigt vom Medienecho und vor allem sprachlos ob der unglaublichen Anzahl an Menschen, die als Folge nun offensichtlich diesen Blog hier wirklich lesen und mir schreiben. Tausende jeden Tag. Einfach unfassbar! Mein Kopf bekommt das noch nicht geregelt. Das ist einfach im Moment zu viel. Unabhängig von der schlechten Internetverbindung ist es mir unmöglich, all die direkten Anfragen zu beantworten – schaff’ ich einfach nicht. Hoffe niemand ist enttäuscht oder gar verärgert, wo es im Moment einfach etwas länger mit einer Antwort braucht. Ich tue mein Mögliches, fürchte aber, dass fast alle Mails noch bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland unbeantwortet bleiben. So viele Zeilen möchte ich gern schreiben, so viele Menschen anrufen und besuchen – mich vor allem endlich mal persönlich bedanken. Geht aber nicht, bin nicht in der Lage dazu … so schwer es mir fällt das zuzugeben. Weiß einfach nicht wo ich anfangen soll und wie ich alle die Gedanken in die Tastatur hämmern soll.
Also, wie geht es nun konkret weiter? Im Moment räumen wir das Boot aus und säubern es. Alles ist kontaminiert mit Salzwasser und sollte gründlich gereinigt und getrocknet werden, bevor es wochenlang im Container verschwindet. Am kommenden Montag kehre ich für einige wenige Stunden zurück auf diesen Ozean. Das Boot wird dann über das Wasser, vom Hafen, die ganze Westküste entlang, nach Bridgetown gezogen und dort gekrant und verladen. Danach speichere ich noch die letzten Sonnenuntergänge im Kopf ab, dann packe ich die Koffer und fliege am Mittwoch Nacht zurück nach Hause. Was mich dort erwartet? Ich muss einräumen: Im Moment fürchte ich mich davor ein wenig. Etwas zu viel Trubel für mich. Würde mich am liebsten erstmal wieder wegschliessen von der Welt. Bin daher auch froh hier vorerst in Barbados in der Stille abtauchen zu können. Ich überspringe also vorerst einmal das nächste Kapital, erwische mich sogar dabei, wie ich bereits das übernächste plane. Nun denn …
Anmerkung: Aktuelle Bilder gibt es im Moment nur auf Facebook. Ich versuche noch zeitnah diese irgendwie auf die Webseite zu bekommen.
Ich treffe kaum eine Taste, kann fast nicht mehr laufen und eiere durch den Raum, habe keinen Tränen mehr übrig, bin absolut abgebrannt und von der Sonne v-e-r-brannt, habe Schmerzen in jedem Muskel, bin todmüde, verhungere und verdurste ABER ich versuche wenigstens einen kurzen Blogeintrag zustande zu bringen. ES IST VOLLBRACHT! Ich habe heute, nach 90 Tagen, den Hafen von Barbados erreicht. Ein unglaublich anstrengender Tag, nach einer unglaublich anstrengenden Nacht. Ein gewaltiges Stück Arbeit, das am Ende fast noch schief gegangen wäre, als der Wind im Hafen mich gegen eine Multimillionendollar-Yacht drücken wollte. Unter reichlich Applaus, der ganze Hafen fieberte mit, gelang mir der Befreiungsschlag, und ich quälte mich mit längst aufgerissenen Handflächen doch noch an den Steg und machte mein Boot fest. 90 Tage, 3500 Seemeilen. Im Ruderboot von Portugal nach Barbados. Höhen und Tiefen. Alles endet an einem winzigen Steg im Hafen von Port St. Charles in türkisfarbenem Wasser mit einem einzigen wankelmütigen Schritt in rettenden Arme. Ich bin emotional im Moment total überfordert, kann nichts analysieren oder beschreiben. Ich bin körperlich angekommen, jetzt warte ich auf meinen Kopf. Ich werde sicher eine Weile brauchen um das alles zu verarbeiten. Gebt mir ein wenig Zeit. Die ersten Bilder sind online und ich endlich in einem Bett, in dem ich mich nicht mehr angurten muss und von Haien geweckt werde. Bis in Kürze ….
Land in Sicht! Ich sehe wirklich Land! Was eine Überraschung! Hoffen wir, dass es nicht Indien ist, oder so eine ganz moderne Kannibalen Insel. Vielleicht ist es ja wie im Kino: Ich bin die letzte Überlebende auf Erden – oder ein Virus hat alle in Zombies verwandelt. Tzzzz. Nach drei Monaten (89 Tage) erblicke ich erstmals wieder etwas anderes als Wolken und Wellen am Horizont … und, gesegnet sei die Zivilisation: ich entdeckte ein schwaches Signal auf meinem Mobiltelefon. Noch kann ich mich nicht richtig einloggen, noch könnten Zombies im Spiel sein! Noch 25 Seemeilen, 46 Kilometer. Alles steht auf Go! Morgen früh, am 90sten Tag nehme ich die Landung in Angriff. Alles ziemlich hektisch jetzt, sehr emotional und die Nerven sind längst durchgedreht und über Bord gesprungen. Hoffentlich hält der Wind jetzt für weitere 24 Stunden. Bin heute Morgen kurz eingenickt und wurde böse von einem Squall bestrafft – fast drei Seemeilen weiter im Norden bin ich aufgewacht. Was ein Schock. DAS DARF NICHT WIEDER PASSIEREN! Noch so einen Fehler kann ich mir nicht erlauben. Aber es wird schwierig mit so wenig Schlaf nicht der Versuchung zu verfallen, nur mal ganzzzzz kurz die Augen zu schliessen. Sei’s drum. Jetzt koche ich Instant-Kaffee, hole das schwere Chemiearsenal aus der Luke für den Notfall und wappne mich für eine letzte Nacht, die schlimmste Nacht aller Nächte fürchte ich. Sollte ich es schaffen, werde ich dann natürlich gleich als nächstes ein Zombie-Gegenmittel entwickeln und die Welt retten … aber erst mal Eins nach dem Anderen. Und jetzt muss ich wieder raus. Denkt an die gedrückten Daumen, die kann ich vielleicht auf der Kannibalen Insel gegen mein Leben eintauschen! Also drücken, drücken, drücken!