Einen Zusammenschnitt der Videosequenzen kann man hier bestaunen!

Zwischen Portimao, Portugal und Barbados in der Karibik liegen knapp 3500 Seemeilen, was in etwa 6500 direkten Kilometern entspricht. Verbunden sind sie am Ende durch die Schlagader des Nordäquatorialstroms, welcher zwischen 10° und 20° nördlicher Breite mit einer Oberflächengeschwindigkeit von etwa 0,5 kn sein Treibgut in den Westen spült. Begleitet von den mächtigen Passatwinden. Doch diesen Abschnitt der Route, der mich nach Westen führte, musste ich erst einmal erreichen. Ein Start in Portimao, in dieser Jahreszeit war die ultimative Herausforderung, und der einzige Weg, die Karibik noch vor der nächsten schweren Hurrikan-Saison zu erreichen, den diese würden mir auf gleicher Route hinterher jagen.

Um diesen Zeitraum zu verkürzen, kann man segeln, könnte kiten oder mir einen Motor an die Nussschale schrauben. Ich aber wollte rudern! Nur rudern. Und da mich dieser Gedanke schon so lange verfolgte und ich fast 10 Jahre lang mit dieser Idee verwachsen war, nun ja, ich ruderte! 10 bis 12 Stunden am Tag, 5 bis 6 Schichten zu je 2 Stunden – das Ganze für etwa 90 Tage und 5 Stunden. Startete am 23.11.2011 und erreichte am 21.2.2012 mit dicken Oberarmen die Karbikinsel Barbados. [Karte]

Mein Ruderboot “Bifröst”

Mein Boot war natürlich eine Spezialanfertigung aus hochspeziellen Glas- und Kohlefaserverbundwerkstoffen. Es war damit für seine Größe sehr leicht, aber auch extrem robust … und teuer. Mit mehr als sieben Metern Länge, und fast zwei Metern Breite, wog es in etwa 275 Kilogramm … unbeladen und ohne Lack jedenfalls. Am Ende ruderte ich circa eine Tonne über 6500 Kilometer in die Karibik. Das Boot verfügte über zwei winzige, “wasserdichte” Kabinen für Equipment, Nahrung und den “Motor”, einen 1,77m langen Zweitakter und Zweischaufler aus Fleisch und Blut. Die Geschwindigkeit eines Ozean-Ruderbootes dieser Solo-Klasse liegt in ruhiger See dann bei maximal 2kn – also weniger etwa 3,5 km pro Stunde.

Das Boot war aggressiv- und kompromisslos selbstaufrichtend, was im Falle einer Kenterung (und damit war oft zu rechnen!) ein vollständiges Durchkentern um 360° gewährleistete (Mit allen Konsequenzen für den Insassen). Dazu befanden sich Ballasttanks im Kiel, die über diesen Zweck hinaus mit einer Notration an Süßwasser gefüllt waren. Das Boot verfügte zudem über Solarpanels mit insgesamt 210 Watt auf der Kabine, die, leider nur bei Sonnenschein, fast genügend Strom für die Entsalzungsanlage, das Kommunikationsequipment, den aktiven Radar-Reflektor, das AIS und den GPS-Tracker und Plotter lieferten, sowie Licht, Lüftung und Unterhaltung an Bord sicherstellten. Gespeichert wurde die Energie in zwei 105Ah Gel-Batterien, die zusammen schon fast 70 Kilogramm wogen. Ach ja: Und zwischen beiden Kabinen befand sich letztlich auch ein sehr spartanischer Rudersitz. Ich bin nun die erste Deutsche, die allein in einem Ruderboot über einen Ozean gerudert ist. Und das komplett ohne Begleitschiff. Ich bin die erste Frau auf dieser Erde die zudem allein vom Festland Europas aufbrach … und auf der anderen Seite des Ozeans aus eigener Kraft ankam. Stolz bin ich natürlich darauf! Aber ausruhen auf diesem Erfolg mag ich mich nun nicht wirklich … also geht es weiter auf dem Pazifik.

Das Equipment an Bord

Natürlich führte ich eine Menge Equipment mit an Bord, meist sogar in doppelter Ausführung. Unter anderem waren dies:

  • Entsalzungsanlage (elektrisch & manuell)
  • Treibanker, Sturmanker, Fallschirmanker
  • GPS Tracker, Plotter, Seekarten, Funkgerät, Notrufboje (EPIRB) …
  • Activer Radar Reflektor, AIS und gedrückte Daumen (Kollisionsvermeidung)
  • iPods, Kopfhörer, Notebook, Kamera, Satelliten-Telefon
  • Schwimmweste, Sicherungsweste, Sicherungsleinen etc.
  • Rettungsinsel, Survivalequipment (Anzug etc.)
  • Sonnenschutzmittel, umfangreiches Medizin-Kit
  • Werkzeuge, Reparaturkits, Epoxy, Klebebänder etc.
  • 3 Paar Ruder
  • Kleiner Kocher samt Sturmhalterung und Feuerlöscher!, Geschirr
  • Kleidung, Sturmzeug, 2000 Babyreinigungstücher
  • und natürliches einige mehr

Zusätzlich natürlich Wasserreserven & mehr als 250 Kilogramm an Nahrungsmitteln. Ich benötigte mindestens 8 Liter Trinkwasser am Tag, die ich in erster Linie über einen elektrischen Meerwasserentsalzer generieren konnte. Ein ziemlich teures Stück Hardware. Als Reserve wurden sämtliche Ballasttanks im Kiel mit Frischwasser gefüllt. Lebensmittel für 4+ Monate befanden sich in weitgehend wasserdichten Schotts im Rumpf, sowie in der vorderen Aufbewahrungskabine – extra wasserdicht verpackt natürlich. Der Vorrat bestand vorwiegen aus gefriertrockneten, dehydrierten, Fertigmahlzeiten, die über einem freischwingenden Sturmkocher zubereiten werden konnten. (notfalls auch ohne!). Dazu hunderte Energieriegel, isotonische Getränke/Pulver, Supplemente, Keimsprossen, Nüsse, Trockenfrüchte, Körner, Milchpulver, Powergels, Würzmittel, Öle .. und natürlich viel, viel, VIEL Schokolade. Die hohe Temperatur an Bord, dazu die ständige Feuchte erforderten natürlich eine sorgfältige Auswahl und Lagerung. Der Kaloriebedarf lag je nach Leistung zwischen 4000 und 8000kcal. Hauptprobleme waren folglich ein Kaloriendefizit, Unterversorgung mit Nährstoffen und, bei dieser Zusammenstellung und der Anstrengung:, Hypo- und Hyperglykämien, Flüssigkeitsmangel und Gewichtsverlust.

Ein ganz eigenes Thema waren die Bekleidung, sowie die Schlafssäcke und Decken. Ständige Durchfeuchtung und Salzverkrustung – natürlich eine extreme Herausforderung für Haut und jeden Stoff. Bewegt man sich 12 Stunden am Tag mit nasser Haut auf einem winzigen Rudersitz, so ist natürlich zu erwarten dass die Haut an ihre Grenzen kommt. Die Durchfeuchtung und Salzablagerungen an der Kleidung -Sandpapier, das sich Schlag um Schlag über die Haut scheuert- war nicht unbedingt hilfreich. Und in den Pausen? Normale Schlafsäcke, Decken, Kleidung würden gar nicht mehr trocknen, verrotten – und damit denkbar schlecht die Heilung der Haut unterstützen. Von mangelnder Isolationsleistung spreche ich erst gar nicht! Also, es brauchte absolute High-Tech Materialen. Materialen die sich bewährt haben – keine Experimente. Funktionsbekleidung zum Rudern, Schwerwetterbekleidung, schnelltrocknende, UV-beständige Stoffe. Und trotzdem, ich war fast ständig nass und das Haut- und Wundmanagement nahm viel Zeit in Anspruch.

Die größten Probleme verursachten:

  • Verkehr (Kollisionsgefahr – schlechte Sichtbarkeit/fehlende Radarsignatur)
  • Wasser (extrem korrosiv fürs Equipment, Hautprobleme in Folge ständiger Durchnässung, schwere Undichtigkeiten, Kollision mit Treibgut)
  • Wind (Abdrift, hoher Wellengang bei schwerem Sturm, Verletzungen durch Wellengang/Kenterung, über Bord fallen, Schlafmangel, Seekrankheit)
  • Land (Kollision/Auflaufen bei schwerem Seegang, Gezeiten)
  • Sonne (Hitze, schwerer Sonnenbrand/-stich, Strommangel bei fehlender Sonne)
  • Tiere (Rumpfbefall, Haie, Bootsschäden durch Wale)
  • Reizentzug (Schlafstörungen, Halluzinationen, Schwäche)
  • Arbeit am Ruder (alle Arten von Verletzungen, Ermüdungserscheinungen)
  • Nahrung (Kaloriendefizit infolge Fehlernährung/Seekrankheit etc., Dehydrierung)

Die Vorbereitung

Wie bereitet man sich nun optimal auf eine solche Herausforderung vor? Natürlich ist es nicht allein mit dem täglichen Training, vorwiegend High Intensity Cardio und Krafttraining, getan. Die Routine an Bord, der Umgang mit dem Equipment muss trainiert werden. Navigation, Kommunikation, Meteorologie, Medizin auf See, Überlebenstraining, Reparaturen an Rumpf und Equipment – hier galt es auch zusätzliche Kurse zu absolvieren (SSS + SHS), sich mit anderen Experten auszutauschen, zu üben, zu üben und zu üben. Absolute Sicherheit, Routine, in jedem zu erwartenden Szenario ist die Grundvoraussetzung um dieser Herausforderung auch psychisch gewachsen zu sein. Klingt nach harter Arbeit, ist tatsächlich aber auch mit großer Begeisterung, mit Spaß verbunden. Ich glaube wer diesen nicht mehr findet, der ist irgendwie auf einem falschen Weg.

In vielen Bereichen verfügte ich bereits über einen soliden Background bevor ich aufbrach, womit es mir nicht all zu schwer fiel diesen Horizont zu erweitern. Ich halte mich für handwerklich sehr begabt, verarbeite nicht zum ersten Mal im Leben Carbon, Kevlar, Epoxid und Co, ich bin in medizinischer Erstversorgung sehr gut ausgebildet und allgemein tief interessiert – beruflich entspringe ich der Kommunikationstechnik. Eine meiner größten Schwächen – ich verliere mich oft im Detail – entwickelte sich bei diesem Projekt zu einer großen Stärke, wobei ich nicht das Ganze aus den Augen verlieren durfte. Was mir wichtig ist: Soweit irgend möglich installiere ich alles Equipment selbst am Boot – kenne jedes Detail, jede Leitung, jede Schraube. Ich bin kein Küken, ich packe an und weiß wirklich was ich hier tue.

Mein High Intensity Cardiotraining (HIT) setzt sich überwiegend aus Rudern, Radfahren und Laufen zusammen. Dies sowohl drinnen als auch draußen (Rudermaschine, Boot, Crosstrainer, Laufen, Crossbiking, Ergometer). Fortgesetzt wird das Ganze durch Krafttraining, Pilates, Yoga. Es gilt die Ausdauer und Kraft zu steigern, Gelenke, Sehnen und Muskeln langsam an die enorme Belastung zu führen. Ausgewogene Ernährung, Nahrungsergänzung. Aber auch vor allem das so essentielle Training an meiner Technik im Boot, in Begleitung erfahrener Rudertrainer, steht im Fokus.

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Meine Sponsoren die mich während der Atlantiküberquerung 2010/11 unterstützt haben: